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Unfolkkommen

Säggs'sche Liedtexte

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Off der Dresdner Vogelwiese

Hörn se off der Vogelwiese lebt sich`s wie im Paradiese,
s is ne wahre Götterlust.
Arm und reich, kurz alle Leute, rennen naus wie nich gescheite,
da fracht kenner was das kost.
Essen kann mr hier un trinken, in e Wonnemeer versinken,
das besonders den umgibt,
der in eenes Zeltes Tiefe fuffzehn Töppschen schluckzessive
pö a pö gemütlich zippt.
 
Sehn se, das is e Plaisier, da geht jeder emal rein.
Egal freilich tut mr so was nich, `s muß eben Vogelwiese sein.
 
Saure Gurken, weeche Eier, kleene Fisch`ln,
Stück en Dreier, Pfefferkuchen, Marzipan.
Und die altbekannten guten, so genannten Bratwurstbuden,
locken`s Volk in Strömen an.
Kirschen, Rettsche, Stachelbeeren, wenn se nich so sauer wären,
hier schmeckt alles, was mr kooft.
Schließlich „Lecke, lecke, lecke“ steht nach Fruchteis uns de Schmecke,
wenn`s och ausenander läuft.
 
            Sehn se, das heeßt Apetit, alles würscht mr in sich 'nein.
            Egal feilich mag mr `s nich, `s muß eben Vogelwiese sein.

 
Chansonetten, Akrobaten, Riesendamen, die sich laden zehn,
zwölf Zentner off de Brust.
Kautschukfräuleins, Gymnastiker und e orginal Komiker,
das ze sehn is eene Lust.
Überall da fehlt`s an Plätzen, hinten schrein de Leute „Setzen!“,
hören kann mr nisch un sehn.
Aber fällt der Vorhang endlich jubelt alles selbstverständlich:
„Ei Herjesses war das scheen!“.
 
            Sehn se, so e Offenthalt ist doch eene wahre Pein.
            Egal läuft mr och nich hin, `s muß eben Vogelwiese sein.
 
Ruß`sche Schaukeln, Karuselle, Rutschpartie mit Blitzesschnelle,
nee gibt’s dort ne Quiekerei.
Oder bei den Bogenschützen, wo de Bolzen offwärts flitzen
an dem Vogel obm vorbei.
Dort zu steh'n und offzupassen, sich beinah zerquetschen lassen
von der Menschheet ringsumher.
Einzubüßen in der Hitze des Gefechts die Zehenspitzen,
Herz mei Herz was willste mehr.
 
            Hörn se, haut mr plötzlich eens, krach die Feieresse ein.
            Egal freilich tun `se `s nich, `s muß eben Vogelwiese sein.

 
Und dann erst de Tanzlokale, wo de „Holzauktion“ im Saale
junge Herzen eng vereint.
Wo de Tour kost zwanzig Pfennge und dr Saal bei dem Gedränge
wie e Nudeltopp erscheint.
Wo der Ehemann voll Sünden schnell den Trauring lässt verschwinden
in der Westentasche froh
und beim Ton der Klarinette huppt herum off dem Parkette
wie e scheugewordner Floh,
 
            Sehn se, hübsch is das ja nich, doch mr wolln`s`n ma verzeihn.
            Egal huppt `r och nich so, `s muß eben Vogelwiese sein.

 
Nach acht so verhaunen Tagen, na se müssen selber sagen,
sin de Kräfte ganz erschöpft.
Sin de Stiefeln ganz zerledert, Arm und Beene wie gerädert
un de Pinke arg geschröpft.
Kettn trägt mr nur zum Scheine, denn de Uhr hängt off dr Leine,
bis off weitres hingeschleppt,
Schulden hatt mr kolossale, außerdem dem Prinzipale
mächtgen Vorschuß abgeknöbbt.
 
            Sehn se, och noch pekuniär,`s das alles kee Gewinn.
            Aber desderweschen rennt mr doch zur Vogelwiese hin,
            aber desderweschen rennt mr doch zur Vogelwiese hin.



 
Quelle: Seit 1577 gibt es die Dresdner Vogelwiese, ein Folksfest im Wortsinn. Wir entdeckten das Stück in einem Liederbuch von Prof. Dr. Max Otto Paul, der in Dresden neben seiner Arbeit als Gymnasiallehrer vor allem durch seine unterhaltsamen säggs‘schen Lieder, seine Kasperlestücke und das Puppenspiel bekannt wurde. Pate für den Liedtext standen wohl die amüsanten Beschreibungen des Dresdner Vergnügungsparkes, die das Dresdner Stadtoriginal Johann Gottfried Rehhahn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts aufgeschrieben und seinem interessierten Publikum dargeboten hat.
 
© Unfolkkommen
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